Humangravitation - Lerne die Kraft zwischen Menschen zu sehen und zu steuern

Veröffentlicht am: 29. Oktober 2021
Lesezeit: 55 min
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Humangravitation - Lerne die Kraft zwischen Menschen zu sehen und zu steuern

Inhalt

Sympathie 2: Interessen - Die Richtung
Attraktivität: Mit dir komme ich besser voran!
Die Humangravitation – Bringt zusammen, was zusammenpasst?
Warum ziehe ich keine Leute stärker an?
Praxistipps zur Optimierung deiner Humangravitation
1. Klärung deiner Werte
2. Klärung deiner Richtung
3. Klärung deiner Ressourcen
Die Urkräfte der Humangravitation

Kennst du Dostojewskis “Idiot”? Der war klug, hatte aber keine Ahnung wie Menschen funktionieren und geriet von einem Problem ins andere. In seine Unfähigkeit konnte ich mich gut hineinversetzen. Es ist eine Welt voller Menschen. Leute, die “sozial geschickt” sind, scheinen es so viel leichter zu haben, sind beliebt, erfolgreich, glücklich. Was macht sie aber “sozial geschickt”? Warum sind manche Menschen sympathisch und andere nicht? Was ist Sympathie überhaupt? Was Attraktivität? Ich hatte gerade in meinen Teenager-Zeiten und frühen 20ern keine Ahnung - dabei dreht sich in dieser Zeit so unglaublich viel um das Zwischenmenschliche, um Freunde, erste Liebe (ob verschmäht oder nicht) - oder zweite, dritte Liebe. Beruflicher Erfolg ist ebenso eng mit unserer Ausstrahlung und unserer Wirkung verbunden.

  • Können wir unsere Ausstrahlung ändern?

  • Können wir Empathie lernen?

  • Wie wirkt sich das aus?

Dieser Artikel beantwortet viele jener Fragen, die sich fast jeder von uns schon gestellt hat, weil sie derart zentral für unser Leben und jede Erfahrung mit anderen Menschen sind. Die hier verarbeiteten Erfahrungen sind ein großer Teil des Fundaments, auf dem mein heutiges Glück aufbaut. Viele Jahre war ich wirklich nicht zufrieden mit meinem Leben. Überraschenderweise - da bin ich sicher gaaaaanz allein auf der Welt - gab ich die Schuld daran gerne anderen. Soll ja jeder etwas davon haben, wenn wir schlecht drauf sind.

Welcher Anstoß mich in eine bessere Spur gebracht hat und welche Erfahrungen und Einsichten mich voranbringen konnten, findest du in diesem Artikel. Wenn du ihn ganz liest, teile gerne mit mir deine Meinung. Nur so viel, du musst nicht nach Tibet, um dich selbst zu finden. Wär ja auch schräg. Wenn man noch nie dort war, wie soll man sich dort verloren haben? *grübel* Das Einzige, was du für diese Reise brauchst, ist dein Verstand und dein Herz.

Licht und Schatten im menschlichen Zusammensein

Im Laufe der Zeit begegnen uns viele Leute. Mehr Zeit verbringen lieber mit jenen, mit denen es angenehm, interessant und lustig ist. Es gibt immer wieder besondere Menschen, die wie Licht in unser Leben treten, es schöner, heller und freundlicher machen, solange wir in ihrer Nähe sind. Auf ein Treffen mit ihnen freuen wir uns lange im Voraus. Sie geben uns Energie oder Trost. Manchmal alles auf einmal. In schweren, dunklen Zeiten sind sie wie ein Leuchtturm. Du weißt, dass es dort sicher ist und Hilfe gibt.

Fallen dir Menschen ein, die bei dir solche Gefühle auslösen?

Blöd nur, dass es nicht immer so ist, dass interessante Leute auch gerne Zeit mit uns verbringen wollen. Die Wirkung zwischen uns und andern ist nicht immer symmetrisch. Wer kennt nicht das sehnsüchtige “Verknalltsein” beim Heranwachsen. Hat es schon Menschen in deinem Leben gegeben, die du extrem anziehend/interessant gefunden hast, die dich aber eventuell gar nicht bemerkt haben? Das fühlt sich nicht so gut an und wirkt ein wenig unfair. Das war auch ein Punkt, der mich früher extrem gestört hat. Damals wusste ich noch nicht, dass ich selbst dafür sorgen kann, dass sich das deutlich bereinigt und deutlich symmetrischer wird. Aber früher stellte ich mir innerlich ganz laut viele Fragen: Was läuft da überhaupt ab? Ist es möglich die eigene Ausstrahlung zu entwickeln - eventuell sogar so, dass ich auf die Leute interessant und sympathisch ausstrahle, die für mich wichtig sind?

Spoileralarm: Ja, wir können unsere Außenwirkung massiv und ganz gezielt steuern – wie absurd wäre der Artikel sonst auch. *g* Es gibt zum Abschluss dieses ken-Artikels eine genaue Anleitung wie wir Schritt für Schritt unser Inneres entwickeln können, um die maximale Humangravitation aufzubauen. Das Schöne ist, es ist passive Kraft, in dem Sinn, dass sie permanent existiert und keine weitere Energie von uns benötigt. Eben in etwa so wie die Gravitation um einen massereichen Körper. Die ist auch “einfach da”. Du verfügst doch sicher über jede Menge an physikalischen Vorkenntnissen?
Nicht? Oh, oooooh.
Glück gehabt. Brauchst du hierfür natürlich nicht. ,-)

Hast du dich selbst schon einmal gefragt, was da abläuft zwischen dir und anderen Menschen?

Es ist einfach faszinierend. Hier treffen wir auf alte Mechanismen, die wir selbst begreifen und formen können, um unser Leben großartig machen zu können. Im Idealfall ziehen wir dann Menschen (selbst solche, die wir gar nicht kennen und die uns nicht kennen - klingt komisch, ist aber so) an, die wir gerade brauchen und die super zu uns passen.

Natürlich gibt es genauso Personen, mit denen jede einzelne Minute eine Qual ist. Sie saugen uns in Null komma Nix die Lebensenergie aus den Adern. Sie sind im Sinne der Photovoltaik eher wie eine biblische Plage, eine endlos dicke Wolke. Nach 5 Minuten reicht es uns schon lange und nach 10 Minuten überlegen wir krampfhaft, welche Ausrede plausibel wäre, damit wir aus der Situation rauskommen. Diese Leute wirken auf uns nicht angenehm, interessant oder sonstwie positiv, sondern zehren an unseren Nerven - selbst wenn sie gar nichts außergewöhnlich “Ungutes” machen oder sagen. Das Gespräch schneidet wie Draht in unsere Haut. Innerlich geht es uns wie jenem armen Kerl…

Diese Menschen haben eine unangenehme Ausstrahlung. Wir können es oft gar nicht klar sagen, was es genau ist. Aber wir fühlen es mit jeder Faser unseres Organismus. Wir fühlen uns abgestoßen. Es passt einfach nicht!

Ich bin sicher, dir fallen Leute ein, die du in diese Schublade stecken würdest. Eventuell um die Schublade dann zuzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen.

Wenn Menschen so unangenehm auf uns wirken und wir mit ihnen Zeit verbringen müssen, dann ist das, als wenn du versuchst zwei Stabmagnete mit den gleichen Polen zusammenhalten. Die stoßen sich bekannterweise ab. Wenn du sie dennoch beisammen halten möchtest, dann musst du diese Abstoßungskraft mit deiner eigenen körperlichen Kraft und Energie mindestens ausgleichen. Gehst du zu einer Verabredung oder einen Termin zu jemanden, der dich so abstößt, dann wird es tatsächlich oft umso abstoßender, je näher das Treffen heranrückt. Manchmal lässt sich aber so eine Situation nicht vermeiden. Müssen wir - z.B. aus Höflichkeit oder weil es die Umstände gerade nicht anders zulassen - mit jemanden Zeit verbringen, der uns abstößt, dann kostet das ganz effektiv und messbar unsere Energie. Es ist anstrengend. Es kann sein, dass wir nach wenigen Minuten, mit einer wirklich anstrengenden Person, richtig fertig und erschöpft sind, so als hätten wir stundenlang hart gearbeitet. Die Kraft wenden wir dafür auf, den starken Impuls abzuhauen, zu blockieren.

Es ist insofern wie Gravitation, denn es wirkt nicht nur auf kurze Distanz. Du musst dir nur die Person vorstellen - und da kann sie gaaaanz weit weg sein - und schon entstehen diese Kräfte. Bewegen wir uns bewusst auf abstoßende Personen zu, wird’s mühsam. Gehen wir von ihnen weg… oh yeah. Wenn du jemanden sehr anziehend findest, dann zieht es dich und deine Gedanken immer wieder zu dieser besonderen Person. Es kostet Energie und ist anstrengend nicht bei ihr zu sein. Wenn du dich auf den Weg zu ihr machst, dann bist du beflügelt und voller Energie. Du lässt dich von der Gravitation tragen bzw. mitreißen.

Es ist deutlich weniger anstrengend, wenn wir z.B. vom 10-Meter-Brett in ein Schwimmbecken springen, als wenn wir zum 10-Meter-Brett hinaufklettern. Beim Springen zieht uns die Gravitation zum Mittelpunkt der Erde und wir lassen sie uns erfassen - und sie ist eine wirklich mitreißende Kraft. Widersetzen wir uns ihr und streben gen Himmel, dann müssen unsere Muskeln ganz schön Leistung abliefern, damit wir vorankommen.

Im Grund ist es seltsam, dass wir derart elementare Kräfte als gewohnte und normale Gefühle wahrnehmen und uns eigentlich kaum bemühen sie besser zu verstehen. Auch das ist ähnlich wie bei der Gravitation. Im Alltag spüren wir die Gravitation der Erde nicht so bewusst, weil wir einfach an sie gewöhnt sind. Dabei zieht sie ständig an uns, als wäre vom Mittelpunkt der Erde ausgehend ein sehr spezielles Gummiband an uns befestigt. Unser Körper ist seit unzähligen Zeiten darauf ausgerichtet, sich dieser Kraft zu widersetzen und sowohl das Skelett, Sehnen als auch Muskeln sind so gestärkt, dass wir die Gravitation im Alltag - solange wir uns horizontal zu ihr bewegen - eigentlich nicht wahrnehmen. Sie ist einfach schon immer da und deswegen nichts Neues. Unser Bewusstsein existiert schließlich, um sich mit Neuem zu befassen - primär wenn es bedrohlich oder nützlich zu sein scheint. Und praktisch alles ist neuer als die Gravitation.

Vielleicht denkst du dir jetzt: “Was zur Hölle hat das jetzt mit den zwischenmenschlichen Kräften zu tun?”

Aber ich denke, dass du zumindest eine gute Intuition dazu hast, dass es hier starke Gemeinsamkeiten gibt. Wenn du schon andere Texte von mir gelesen oder Vorträge gesehen hast, dann weißt du, dass es mir wichtig ist, Menschen nicht nur nackte Erkenntnisse oder Erfahrungen hinzuwerfen. Es ist leicht mit ein paar sensationellen Fakten zu begeistern und mit spektakulären Geschichten zu packen. “Der beste Supercomputer der Welt ist so leistungsstark wie ein Gehirn - das Gehirn einer Stubenfliege. Allerdings nur, wenn die Fliege im Tiefschlaf ist.” Oh, WOW - wär hätte das gedacht. Solche Fakten sind eingängig. Damit verkauft man gut. Sowas ist unterhaltsam und wir haben das Gefühl etwas gelernt zu haben. Doch anwenden können wir es dann noch lange nicht. Mir hat das Verständnis der Humangravitation so unfassbar in meinem Leben geholfen, egal ob beruflich oder privat. Wenn du dir ein paar Dinge praktisch mitnehmen kannst, dann freut mich das gewaltig!!!

Ich schildere dir deswegen zwar zentrale persönlichen Erfahrungen, aber gleichzeitig die Hintergründe, die es mir selbst möglich machten meine zwischenmenschlichen Themen soooo viel besser auf die Reihe zu bekommen. Es geht primär um das „besser werden“, nicht um das „perfekt sein“ – wie immer so etwas aussehen würde. Ich bin überhaupt nicht begabt, was die zwischenmenschlichen Fähigkeiten angeht. Das hast du dir vermutlich schon gedacht. Warum würde sonst jemand derart viel Energie in die Erforschung solcher Themen stecken.

Es ist schade, dass du mich mit ca. 20 Jahren nicht gekannt hast, mit all meinen gewaltigen Schwächen, Unsicherheiten und Defiziten - nicht, dass ich heute keine mehr hätte. *g* Heute will es mir kaum noch wer glauben, was ich da alles im Rucksack an Persönlichkeitsproblemen mit mir herumgeschleppt habe:

  • Kein Selbstvertrauen

  • Angst vor Leuten zu reden

  • keine Verbindung zu Leuten herstellen können

  • nicht verständlich vermitteln zu können

  • usw.

Ein wahrer Blumenstraus an Unzulänglichkeiten. Daher stammt natürlich die große Motivation für die Erforschung dieser Dinge.

Die Humangravitation ist ein Werkzeug. Wer sie versteht, versteht wahnsinnig viel über den und die Menschen - vor allem über sich selbst. Dabei ist sie im Kern einfach aufgebaut. Sie wirkt auch nicht nur beim Menschen. Dieses Modell erklärt sämtliche Anziehungskräfte zwischen allen Organismen und sogar darüber hinaus. Es gibt im Grunde zwei Grundkräfte, die sehr einfach zu verstehen sind – Sympathie & Attraktivität. In Summe sehen wir uns am Weg durch diese Kräfte aber drei Ebenen an.

  • Werte

  • Interessen

  • Ressourcen

Über diese Ebenen verbindest du dich nämlich mit anderem zu einem WIR.

Sympathie - Willst du mit mir gehen?

Du weiß ja, wie sich Sympathie anfühlt. In Veranstaltungen habe ich oft eine Übung gemacht und in Gruppen diskutieren lassen, was denn hinter diesem Gefühl steckt? Wieso gibt es dieses Gefühl? Was ist das Wesen der Sympathie? Was ist seine Funktion? Warum verändert es sich manchmal in Bezug auf einen Menschen? …

Was meinst du? Sind das schwierige Fragen? Naja, ich gebe den Leuten ja auch ca. 40 Minuten sie zu beantworten. ;-) Wenn du noch mehr von diesem Text profitieren möchtest, dann nimm dir ein paar Minuten und beantworte die Fragen oben für dich selbst.

Es sind viele Fragen und sie sind so alt wie wir Menschen selbst. Die Antwort bzw. der Kern der Antwort ist gar nicht so schwer. Sympathie soll jene Menschen zusammenbringen, die einen gemeinsamen Weg haben und die auf die gleiche Art und Weise gehen.

Das ist eine der ersten schematischen Darstellungen, die ich verwendet habe, um die Humangraviation zu veranschaulichen. Sympathie beinhaltet nämlich zwei Aspekte, die beide dieses Gefühl speisen. Deswegen fühlt sich Sympathie nicht immer gleich an. Wenn du diese Themen gut verstehst, dann wird dir rasch klar werden, wie du ganz konkret und relativ rasch deine innere Substanz und damit deine Außenwirkung entwickeln kannst.

Wichtig: Unsere Wahrnehmung von anderen Menschen sind reine Konstruktionen. Basis dafür sind unsere Sinneseindrücke von ihnen und was diese bei uns an Erinnerungen, Vorstellungen, Vorurteile, Sehnsüchte, etc. auslösen. Deswegen können wir in anderen Menschen nichts erkennen, was nicht in uns selbst existiert. Wenn du keine Eifersucht kennst, wie willst du diese bei jemand anderem erkennen? Wir projizieren also unser Inneres auf unser Gegenüber, um es einschätzen zu können.

Sympathie 1: Werte - Dafür stehen wir! So gehen wir unseren Weg!

Ich persönlich habe oft arrogant geschmunzelt, wenn im Studium jemand über die Wichtigkeit von Werten gesprochen hat. Ich dachte mir: “Ja, klar. Red es dir nur ein. Das ist weichgewaschenes BlaBla – erzähl das den Soziologen.” Tja, im Studium hat man von vielen Sachen keine Ahnung. Von der praktischen Bedeutung vieler Dinge oft am allerwenigsten. Zumindest war mir meine recht weitgreifende Unwissenheit damals schon klar und ich betrachtete das Studium als Möglichkeit viele verschiedene Perspektiven zu lernen, wie man Situationen und die Welt betrachten kann. Je mehr Perspektiven, umso höher die Chance, dass unsere Sicht auf die Welt nicht zu einfach ist, um das Wesentliche zu erkennen. Welch unmittelbare und kraftvolle Wirkung Werte haben, war nicht nur mir nicht klar. Ich begegne heute immer noch äußerst wenigen Menschen, die verstanden haben, welche Macht in ihnen liegt.

Wenn du eine starke Ausstrahlung haben möchtest, dann geht das nicht ohne starke, klare Werte. Logischerweise sprechen wir hier von inneren und nicht materiellen Werten. Werte definieren, wofür wir im Leben stehen. Sie zeigen sich in all unseren Handlungen. Du kannst Handlungsprinzipien zu ihnen sagen. Und ich rede hier nicht von Schönwetterwerten, die wir uns gerne selbst zuschreiben. Unternehmen machen das auch irrsinnig gerne. Da stehen dann so Leitsätze in den Leitbildern:

“Wir helfen einander.”
“Vertrauen prägt unseren Alltag.”
“Unsere Mitarbeiter sind das Wichtigste.”

Das sind schöne Sätze und grundsätzlich auch gute Werte. Allerdings ist Vertrauen kein Wert sondern die Folge der Einhaltung von Werten. Diese Art von Leitsätzen bezeichne ich manchmal provokant als Schönwetterwerte, weil sie zumeist nicht mehr gelten, sobald ein paar graue Wolken im Alltag aufziehen. Ganz schnell schaut jeder nur noch auf sich selbst. Werte, die nicht unter Stress und Druck aufrecht bleiben, sind keine Werte!

Verstanden habe ich die Macht der Werte erst, als ich mich mit den Neurowissenschaften befasste und die Theorie zur Entstehung der Werte auf ihrer Basis entwickelte, natürlich angelehnt an alle die genialen Forschungen, die bereits existierten - das ist ja immer so. Als Wissenschaftler stehst du immer auf den Schultern von Giganten, die über Jahrtausende bereits Wissen aufgetürmt haben.

Komm kurz mal mit und pack deinen Delorean ein. Zur Veranschaulichung des Nutzens von Werten gehen wir 20.000 Jahre in der Geschichte zurück. Stell dir einfach vor, wir sind mit drei anderen Stammesmitgliedern unterwegs, um ein paar Beeren zu sammeln. Wir wollen ein wenig Nachtisch fürs Abendessen. Vielleicht sind wir auch Vegetarier, weil wir total progressive Urmenschen sind. Wir gehen jedenfalls gut gelaunt über die Steppe, deren lange Gräser im sanften Licht des Spätnachmittags wogen. Dabei grölen wir munter vor uns hin und bewundern, wie schön sich der Wald vor uns an die Steppe schmiegt. In diesem Moment tritt ein riesiger Säbelzahntiger aus diesem Wald heraus. Die Schönheit der Szenerie zerfließt in der Flut des einströmenden Adrenalins. Die Angst legt ihre eisernen Arme um unseren Brustkorb und presst uns die Luft ab. Jedem in der Gruppe ist klar, dass wir diesem kraftstrotzenden Tier, dessen Schulter wesentlich höher sitzt als unser Kopf, nichts entgegenzusetzen haben – sollte es uns entdecken. Apropos Kopf. Hier sieht man schön, wie gewaltig die Säbelzähne in Relation zum Tigerkopf waren.

Instinktiv bleiben wir stehen und gehen hinter etwas höheren Gräsern in Deckung. Da streckt der Säbelzahntiger die Nase in die Luft. Langsam dreht er seinen Kopf in unsere Richtung. Dreck!!! Wir haben Rückenwind!!! Der Geruch unserer Körper tanzt auf den Schwingen des Windes und wird direkt zu diesem gefährlichen Tier getragen. Der Tiger blickt nun in unsere Richtung. Seine Augen fixieren uns. In diesem Moment spannen sich seine Muskeln und er sprintet in unsere Richtung los.

Guter Rat ist teuer und ein sicheres Versteck nicht in allzu nah. Da sich der Tiger wohl für eine Debatte zum friedlichen Umgang zwischen den Arten nicht erwärmen lassen wird, nehmen wir Reißaus. Unsere Gruppe läuft auf eine Rettung versprechende Felsennische zu. Diese ist nur leider ein gutes Stück weg. Jedem von uns ist klar, dass dieses zahnbewehrte Untier uns einholen wird, bevor wir das schützende Ziel erreichen. Was dann passiert, braucht nicht viel Phantasie.

Um diese Situation zu überleben, ist es nicht notwendig der Schnellste zu sein, doch auf keinen Fall sollte man der Langsamste in der Gruppe sein. Den Letzten beißen nicht nur die Hunde. Auch Säbelzahntiger machen da keine Ausnahme. Auf einmal hat Ikpig einen Einfall. Da er nicht weiß, ob er nicht der Langsamste ist und damit Gefahr läuft zum Abendessen des Tigers zu werden, stellt er Ukbuk, der neben ihm läuft, das Bein. Dieser hat das überhaupt nicht erwartet, geht hart zu Boden, überschlägt sich mehrfach und fällt sofort weit hinter der Gruppe zurück. Damit ist klar, wer zur Beute des Tigers wird und damit auch, dass die anderen den Angriff überleben werden. Nun könnte man sagen: „Clever gelöst.“ Der Erfolg, sein - und auch unser - Überleben, gibt Ikpig Recht. Oder?

Wie schaut es aber aus Sicht der Werte aus? Was meinst du? Ich denke, da müssen wir nochmal ein wenig draufschauen.

Bei der Rückkehr erfährt der Stamm vom Angriff. Im Stamm hätte jeder verstanden, wenn der Langsamste dem Tiger zum Opfern gefallen wäre. Das ist der Lauf der Natur. So ist es immer gewesen. Nun kommt auf, dass Ikpig seinem Stammesbruder ein Bein gestellt hat. Ukbuk wäre vielleicht der Langsamste gewesen, doch nicht seine Fähigkeiten entschieden über sein Schicksal – Ikpig hat dies getan - so nachvollziehbar seine Gründe sein mögen. Wie kann der Stamm nun reagieren? Beispielsweise könnte er die Tat tolerieren, weil Ikpig es so verkauft, dass er die anderen der Gruppe mit seiner Tat gerettet hat und da die Überlebenden vielleicht Dankbarkeit dafür empfinden noch zu leben, Ikpig sogar unterstützen. Dass jeder von ihnen ebenso dieser Tat zum Opfer hätte fallen können, ist ihnen womöglich noch nicht bewusst oder sie verdrängen es. Gut, gehen wir einfach einmal davon aus, das Stammesoberhaupt entschließt sich dazu keine Konsequenzen zu setzen, mit einem quasi österreichischen: „Interessante Strategie, Ikpig. Passt schon.“

Wenn man „wertlose“ Handlungen toleriert,…

Ein paar Tage später geht wieder eine Gruppe Wasser holen. Es müssen gar nicht die gleichen Leute sein. Sie waren in jedem Fall bei der Ergebnisbesprechung nach dem letzten Angriff dabei. Der Säbelzahntiger hat, von neuem Hunger beseelt, schon auf sie gewartet und attackiert die Gruppe. Immerhin hat Ukbuk äußerst gut gemundet und zudem ist es ein großer Bonus, dass diese Menschentiere so nett sind und sogar immer ein Exemplar liegenlassen, damit der Säbelzahntiger sich nicht zu sehr mit Laufen verausgaben muss. Kein anderes Tier hat jemals so etwas getan.

Als die Stammesmitglieder dieses Mal weglaufen, haben sie im Hinterkopf plötzlich das Bild von jemanden, der ihnen ein Bein stellt – schließlich wurde es bei Ukbuk toleriert. Aus Angst selbst davon getroffen zu werden, weichen sie abrupt auseinander und blicken sich ängstlich nach den anderen um. Algita, einer der schnellsten Läufer des Stammes, hakt dadurch bei einem Ast am Boden ein und bricht sich beim Sturz das Bein. Impetka erschrickt von der plötzlichen seitlichen Bewegung von Algita, die er im Augenwinkel sieht. Er dachte, Algita versucht ihm das Bein zu stellen, da in seinem Kopf natürlich auch diese Angst seit jenem Tag zumindest semi-bewusst verankert ist. Er weicht aus Angst davor das Bein gestellt zu bekommen zu stark von seinem Freund zurück, streift einen Busch, gerät aus dem Gleichgewicht und stürzt ebenfalls. Zum großen Glück der anderen ist es nur ein einzelner Tiger, der sich zuerst Impetka schnappt und dann in aller Seelenruhe Algita von den Schmerzen seines gebrochenen Beines erlöst. Die anderen rappeln sich auf und retten sich in den Wald. Das war nun nicht mehr schwer, nachdem der Tiger zwei Opfer hatte, um die er sich kümmern musste.

Die Stammesmitglieder wurden zwar von einem Tiger angegriffen, doch ab dem Moment des Angriffs sahen sie auch in ihren „Verbündeten“ potentielle Feinde. Wenn man das Beinstellen toleriert, was hindert den Nebenmann daran uns nun nicht das Gleiche anzutun? Es bedeutet, dass in einer Notsituation nur das eigene Wohl zählt und alles erlaubt ist, dieses zu bewahren - selbst die anderen in der Gemeinschaft zu opfern. Inwiefern man hier von einer Gemeinschaft sprechen kann? Das zu bewerten überlasse ich dir. Du wirst dir denken können, wie ich das sehe.

Nun stell dir noch vor. Keiner der Stammesmitglieder, die beim zweiten Mal angegriffen wurden, hätte jemand anderem das Bein gestellt. Niemand hatte das vor - auch wir zwei nicht. Unsere Werte waren alle vollkommen rein. Es reicht jedoch alleine das Bild im Kopf, dass es jemand tun könnte – ein kleiner Riss im Vertrauen – und das WIR zerspringt, wenn der Druck bzw. die Angst zu groß werden. Somit hat das wertlose Verhalten von Ikpig bereits mehrere Opfer gefordert und Ikpig war hier gar nicht mehr selbst dabei und niemand der Anwesenden ist wertetechnisch schwach.

Du hast recht, wenn du denkst: „Eigentlich hätte das Stammesoberhaupt reagieren müssen, damit das WIR wieder gestärkt ist und so etwas nicht geschieht.“

Die Gruppe müsste geschlossen solche Wert-Verletzungen sanktionieren. Jemand, der die Gruppe und ihr Überleben derart gefährdet, kann nicht länger Teil der Gruppe sein. Viele Völker hätten Ikpig getötet oder verstoßen, sodass er gezwungen wäre alleine zurecht zu kommen. Andere Völker hätten den Wertlosen ein Stigmata verpasst, sodass jeder sehen kann, dass man dieser Person nicht trauen darf. Bestraft die Gemeinschaft so eine Handlung nicht im Kollektiv, dann ist die Führung gefordert. Bleibt diese ebenfalls untätig, trägt sie die Konsequenzen für den weiteren Zerfall der Werte, der damit bereits vorprogrammiert ist.

Wenn Werte wie Zusammenhalt, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft, etc. nicht auf hohem Niveau gelebt werden, dann verlieren menschliche Beziehungen (auch Teams/Organisationen) den allergrößten Teil ihrer Stärke und Möglichkeiten – sie zerfällt in egoistische Individuen. Es ist wie eine Mauer ohne Zement zwischen den Steinen. Sie wird schwach, anfällig für Druck. Menschen müssen sich dann immer mehrere Pläne überlegen, weil sie nicht auf die Leistung und Ehrlichkeit der anderen vertrauen können. Es läuft Energie in die eigene Absicherung. Sie werden argwöhnisch und fangen an einander zu misstrauen, Informationen vorzuenthalten, um anderen keinen Vorteil zu verschaffen, der sich gegen sie wenden könnte, usw. Die eigene Absicherung bindet viel der eigenen Energie und der Fokus geht vom Wir ins Ich – das Wir wird geschwächt bis hin zum Zerfall.

Dabei bietet ein echtes Wir geniale Möglichkeiten. Wenn du ein echtes Wir mit 5 anderen Menschen hast. Wir würden es wohl “echte Freundschaft” nennen, dann erweiterst du dich über diese anderen Menschen. Du kannst an mehreren Orten zugleich sein. Du verfügst über ein Vielfaches an Fähigkeiten und Kraft. Wenn dich diese Menschen super gut kennen und wissen, dass du dich sehr für z.B. besondere Schals interessierst, dann werden ihnen - selbst wenn sie diese eigentlich nicht so interessant finden - besondere Schals (sofern du ausreichend vermitteln konntest, was diese ausmacht) auffallen, wenn sie durch die Welt marschieren. Du bekommst von ihnen Informationen, wo sie so etwas gesehen haben. Eventuell schenkt dir einer von ihnen sogar so einen. Du nutzt ihre Augen! Und sie nutzen deine, wenn du dich für ihre Bedürfnisse interessierst. Die Dinge, die dir besonders wichtig sind und die du besonders brauchst, werden auch in ihren Köpfen sein - sofern ihr eine so ehrliche und direkte Beziehung habt, dass dieser Austausch passiert. Und es ist dann nicht so, dass du den anderen sagst, sie sollen Ausschau halten. Wir reden einfach darüber, was den anderen beschäftigt, weil wir uns wichtig sind, weil wir füreinander da sein wollen, weil wir uns sympathisch sind, uns sehr schätzen - die Humangravitation einfach ihr Ding macht, super-salopp gesagt. Wir denken füreinander mit. Wir halten die Augen füreinander offen. Wir unterstützen uns mit unseren Fähigkeiten. Das Wir ist damit viel mehr als die Summe der Ichs. Aber es muss ein echtes Wir sein. Dann wird es quasi zu einem emergenten Meta-Wesen.

Das ist nicht das Ende

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